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Die Radikalität des Nichtstuns

Christian ist erst Anfang 20 als plötzlich nichts mehr geht. Er führt sein eigenes Unternehmen, druckt Werbefolien mit eigens angeschafften Maschinen, um damit Jeeps und Helikopter zu bekleben. 70 Stunden muss er pro Woche arbeiten, damit er die hohen Betriebskosten überhaupt reinbekommt. Das Wochenende verbringt er mit Feiern, vielen Drogen, viel Alkohol. Zwei Tage, um die restlichen fünf zu überstehen. Bis ihm ein LSD-Trip auf einem Festival die Augen öffnet. „Ich war so naiv“, sagt Christian, der eigentlich anders heißt, heute über seine Arbeit. „Ich naiv, und das System kaputt.“ Zurück im Arbeitsalltag schafft er es in der Früh kaum noch aus dem Bett, die Müllsäcke beginnen, sich im Büro zu stapeln. Er fühlt sich ausgebrannt. Die Frage, die sein ganzes Leben umstürzen sollte, ist plötzlich unausweichlich: Braucht es meinen Job überhaupt? Christians Antwort: Nein. Er beschließt, die Lohnarbeit und ein für ihn sinnlos gewordenes System hinter sich zu lassen und vorerst mal nichts zu tun.

Absolut nichts zu tun ist eigentlich unmöglich. Die meisten Menschen scheitern bereits beim Versuch: In einem Experiment setzte Timothy Wilson, Psychologe an der Universität Virginia, seine Proband:innen allein in einen komplett leeren Raum. Sie hatten dort nichts zur Hand, außer ihre eigenen Gedanken – und einem Knopf, durch den sie sich selbst einen Stromschlag zuführen konnten. Mehr als die Hälfte tat das bereits nach wenigen Minuten. Lieber elektrisiert werden als nur dasitzen und denken.

„Wir haben Wege gefunden, selbst unsere Freizeit so effizient wie möglich zu gestalten.“

Wenn die meisten von uns angeben „heute einmal nichts zu tun“, heißt das nicht, sich so wie in Wilsons Experiment alleine in einen Raum zu setzen. Was wir meist damit meinen, ist, eine Arbeitspause einzulegen. Doch diese gönnen wir uns immer weniger: Über die letzten 30 Jahre hat die Zahl der in Anspruch genommenen Urlaubstage konstant abgenommen, so eine US-amerikanische Erhebung. Obwohl das jene, die das sehr wohl tun, um 20 Prozent glücklicher in ihren Beziehungen und auch generell um 56 Prozent zufriedener machte. Wir haben Wege gefunden, selbst unsere Freizeit so effizient wie möglich zu gestalten. Schließlich gelten Langeweile oder lange Telefongespräche für viele als ineffizient.

Arbeit frisst die Zeit, die wir überhaupt fürs Nichtstun verwenden könnten. Dabei hatte das lange nicht so ausgesehen: Bereits 1930 postulierte der britische Ökonom John Maynard Keynes, dass die durch steigende Automatisierung entstandene Produktivität zu einer 15-Stunden-Arbeitswoche führen würde. In Österreich wurde die Arbeitszeit bis in die 1980er konstant reduziert: Zuerst kam der 10-Stunden-Tag, irgendwann galt auch der Samstag als frei. Doch dann kam die Arbeitszeitverkürzung zum Stillstand. Heute hat Österreich mit 42,4 Stunden im europäischen Vergleich eine der längsten Wochenarbeitszeiten. Nur in Griechenland und Großbritannien arbeiten die Leute noch mehr. Die Möglichkeit zur Arbeitsreduktion, die sich durch Technik und Produktivitätssteigerung ergibt, werde nicht ausgeschöpft, sagt Jörg Flecker, der sich an der Universität Wien mit Fragen rund um Arbeitssoziologie beschäftigt. „Das ist eigentlich paradox.“ Und es gilt noch mehr, wenn man sich die Verteilung der Arbeit ansieht. Schließlich stehe die Arbeitszeit für viele, die eigentlich gerne arbeiten würden, auf null. Denn natürlich ist Nichtstun für viele ein großes Privileg. Wer keine Arbeit findet, gönnt sich nicht freiwillig eine Auszeit, sondern wird zu ihr gezwungen – mit den entsprechenden Folgen.

Keynes Prophezeiung hat sich also nicht bewahrheitet. Glaubt man dem US-amerikanischen Kulturanthropologen David Graeber, hat die steigende Automatisierung und Produktivität stattdessen zum Aufkommen von „fake work“ geführt, die keinen gesellschaftlichen Nutzen mit sich zieht. In seinem Buch Bullshit Jobs klassifiziert er die Tätigkeiten in fünf Jobtypen, darunter flunkies (Jobs, die den oder die Vorgesetzte:n gut aussehen lassen), boxtickers (die mit der Dokumentation von Arbeit beschäftigt sind, ohne selbst nützliche Arbeit zu verrichten) oder etwa ducttapers (Flickschuster, die Probleme temporär lösen, ohne an ihre Wurzel zu gehen). Jobs, die nur für die Systemlogik bestehen. „Die Produktivitätszuwächse sind nur zum Teil in eine Verkürzung der Arbeitszeit geflossen“, sagt Stefanie Gerold, Ökonomin an der Technischen Universität Berlin, „aber zum großen Teil eben in Mehrproduktion.“ In diesem Prozess seien auch neue Jobs entstanden – nur nicht immer sinnvolle. „Dass es Jobs gibt ist oft wichtiger als ihr Inhalt“, sagt Gerold. „Was dabei produziert wird und ob das einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leistet, ist dabei oft zweitrangig.“

Nach der Eingebung, die Lohnarbeit hinter sich zu lassen, geht es für Christian sehr schnell: Innerhalb weniger Tage schließt er sein Konto, verkauft den Großteil seines materiellen Besitzes und zieht vorübergehend zu seiner Oma aufs Land. Sein neues Ziel: Einen finanzielle Polster zu bekommen, um irgendwann Selbstversorger zu werden. Sieben Jahre lang lebt er als U-Boot, zahlt keine Steuern, ist nicht versichert. Aus Sicht des Staates ist er quasi unsichtbar, mittellos und unproduktiv. Dabei hat er immer genug Geld: Ein bisschen Schwarzarbeit, ein paar illegale Geschäfte, dazwischen schlaues Geldanlegen, wie er es nennt. Nur seine Mutter machte sich Sorgen: „Sie hat nicht verstanden, dass ihr erfolgreicher Sohn, der mit 20 eine eigene Firma hatte, nun mit Klapprad und Strohhut durch die Gegend fährt und nichts macht.“ Für Christian sind es Jahre, in denen er realisiert, dass ein Leben jenseits der Lohnarbeit nicht nur weniger Stress bedeutet, sondern auch machbar ist.

„Obwohl massive Arbeitslosigkeit, Jobunsicherheiten und Niedriglohnarbeit die Vollzeitbeschäftigung zu einer unsicheren Quelle für Einkommen, Rechte und Zugehörigkeit machen, ist die politische Lösung stets die Erschaffung neuer Jobs.“

Auch wenn wir annehmen, dass Bullshit Jobs existieren, widerspricht Christians Entscheidung der gesellschaftlichen Norm. „Erwerbsarbeit hat in unserer Gesellschaft eine extrem wichtige Rolle. Alles ist daran geknüpft – von materieller Absicherung über Identitätsstiftung hin zu sozialer Anerkennung“, sagt Stefanie Gerold. Denn während Arbeit lange als notwendiges Übel galt, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ist heute eine moralische Verpflichtung daran geknüpft zu arbeiten – und sich darin auch zu verwirklichen. „Außerhalb der Erwerbsarbeit zu Anerkennung zu kommen, ist in unserer kapitalistischen Gesellschaft schwierig“, sagt auch Jörg Flecker. Jobs oder Tätigkeiten, in denen die Ausführenden keinen Sinn sehen, können psychisch sehr belastend sein. Das sei problematisch.

Lohnarbeit ist zum Dogma geworden. Der Autor und Sozialforscher David Frayne beschreibt das in seinem Buch The Refusal of Work so: Obwohl massive Arbeitslosigkeit, Jobunsicherheiten und Niedriglohnarbeit die Vollzeitbeschäftigung zu einer unsicheren Quelle für Einkommen, Rechte und Zugehörigkeit machen, ist die politische Lösung stets die Erschaffung neuer Jobs. Anstatt an Lösungen des Problems zu arbeiten, füge das neue hinzu: von ungeklärten sozialen zu ökologischen Fragen zum Beispiel.

Nichtstun ist vielleicht nicht die Lösung, doch eine Arbeitszeitreduktion könnte einige Probleme angehen. Darin sind sich Forschende wie Gerold und Flecker einig. Care-Arbeit, die heute meist von Frauen gemacht wird, könnte bei einer 30-Stunden-Arbeitswoche, die zur Norm wird, gerechter verteilt werden. Und sie könnte auch eine Lösung für ökologische Probleme sein: „Wenn wir die Klimaziele ernst nehmen, müssen wir den Energie- und Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren“, sagt Stefanie Gerold. „Das erreichen wir nicht dadurch, dass wir ein bisschen nachhaltiger produzieren. Sondern indem wir die Produktionsmenge an sich reduzieren – und infolge auch weniger arbeiten.“ Dieser Hebel sei größer und wichtiger.

Um Menschen dazu zu bringen, weniger zu arbeiten – was nicht zuletzt aus Umweltsicht enorm wichtig wäre – müsse man aber auch die kulturelle Dimension aufbrechen. Die moralische Verpflichtung zu arbeiten. Unabhängig davon, ob es einen gesellschaftlichen oder ökonomischen Nutzen habe. Denn Gesellschaftsmitglieder wurde auf gewisse Weise in diese Lohnarbeit gezwungen, sagt auch Jörg Flecker. Dazu kommt, dass man heute selbst für die meiste Freizeitaktivitäten heute Geld braucht. Er nennt das die Ökonomisierung des Lebens. Stefanie Gerold hat diese Abhängigkeit in einer Studie verbildlicht: Die Teilnehmer:innen wurden gefragt, ob sie für Überstunden Geld oder mehr Freizeit haben wollen. Die meisten wählten das Geld. „Viele meinten, sie können schon jetzt ihre regulären Urlaubstage nicht aufbrauchen, so viel gäbe es zu tun und so wenige könnten sie im Job ersetzen.“ Ein weiteres Motiv waren finanzielle Gründe.

Eine Vielzahl an Ökonom:innen und Initiativen beginnt, dem Dogma der Vollzeitbeschäftigung deshalb zu widersprechen. Sie stützen sich auf Forderungen und Forschung rund um die positiven Effekte eines bedingungslosen Grundeinkommens. Und auf Studien, die zeigen, dass unser Wellbeing nicht unbedingt von Lohnarbeit abhängig ist: Forschende der Universitäten Salford und Cambridge überprüften, wie viele Stunden Lohnarbeit pro Woche notwendig sind, um die positiven Effekte der Arbeit auf mentale Gesundheit und Zufriedenheit aufrechtzuerhalten. Ihr Ergebnis: Acht Stunden reichen aus, um die positiven Effekte der Erwerbstätigkeit zu erlangen. „Doch der positive Effekt steigert sich nicht, wenn die Leute mehr arbeiten“, sagt Jörg Flecker, „wenig Arbeit reicht, aber die ist wichtig.“

„Ich will nicht reich werden, sondern einfach nie wieder finanzielle Sorgen haben. Nicht aus Faulheit, sondern aus Ideenreichtum.“

Was aber stellt man mit der gewonnen Zeit an? Und gibt es überhaupt einen positiven Effekt des Nichtstuns? „Die meisten Leute schaffen es nicht mal, fünf Minuten nichts zu tun“, sagt Christian. „Ich gehöre zu der Gruppe, die darin aufgeht.“ Vor dem Radikalumbruch vor sieben Jahren hatte er nie wirklich ein Buch in der Hand gehabt. Mittlerweile stehen diese Rücken an Rücken im Regal. Durch die viele freie Zeit komme er erst in seinen Optimalzustand: Sport, Interessen wie Cryptocurrencies, Pflanzenzucht, und Mikroskopieren pflegen, und viel gesunde Ernährung. Dass er diese Interessen hat, wusste er vor seinem Radikalumbruch nicht. Brauchen wir diesen Freiraum, um überhaupt damit umgehen zu können? In einer Studie bat die Psychologin Sandi Mann der Universität of Central Lancashire, Menschen an einer langweiligen Schreibübung teilzunehmen und daraufhin eine kreative Aufgabe zu lösen. Die Kontrollgruppe ließ den ersten Teil aus. Die „Gelangweilten“ stellten sich als kreativer heraus. Eine positive Folge des Tagträumens. Dadurch hätte unser Gehirn Zeit, nach einer eigenen Stimulation zu suchen, zu wandern. Und wir werden inspirierter, kreativer.

Im April 2021 sitzt Christian auf einer weißen Couch, die Füße auf dem Couchtisch mit einer lila Decke umwickelt. Hier kann er gerade wohnen, weil er ein Kellerabteil gemietet hat. Dort wächst gerade wortwörtlich sein neues CBD-Unternehmen heran. Denn seit Herbst ist er erstmals wieder „im System“, hat ein Gewerbe angemeldet und arbeitet quasi rund um die Uhr. Den Selbstversorger-Plan hat er jedoch nicht aufgegeben: Vier, maximal fünf Jahre will er so arbeiten und das verdiente Geld in Cryptocurrencies und Aktien investieren. Das sollte ausreichen: „Ich will nicht reich werden, sondern einfach nie wieder finanzielle Sorgen haben. Nicht aus Faulheit, sondern aus Ideenreichtum.“ Schließlich gäbe es noch so viel, was er mit seiner Zeit anfangen könnte.


Buchempfehlungen zu diesem Thema

David Graeber, Bullshit Jobs

David Frayne, Refusal of work

Celeste Headlee, Do Nothing

Jenny Odell, Nichtstun