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© Johann Otten

Landlust 4.0 – Sind digitale Nomad:innen Teil oder Lösung eines Problems?

Vor einigen Wochen flatterte die Broschüre eines Berliner Thinktanks in unseren rostigen Briefkasten im 300-Seelen-Kaff Heinersdorf, Brandenburg. Ein aufwendig gestaltetes Heft, herausgegeben vom gemeinnützigen Berlin-Institut. Der Titel: „Urbane Dörfer - Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“. Eigentlich sollte ich mich von dieser Broschüre angesprochen fühlen: Vor einem Jahr bin ich in ein Kulturprojekt auf dem Land gezogen. Ich bin jung, weiß, und mit dem Privileg ausgestattet, meinen Job von überall auf der Welt erledigen zu können. Alles, was ich brauche, ist mein Laptop und einen ruhigen Ort zum Arbeiten. Ein Ort wie Heinersdorf, der noch verhältnismäßig gut an die Großstadt angebunden ist, umringt von kreativen Menschen und Projekten, ist perfekt. Und trotzdem: Nach einem Jahr Landleben kommt mir diese Vision, die hier unter dem Motto „Landlust 4.0“ beschrieben wird, befremdlich vor. Auch wenn ich perfekt in die Zielgruppe passe, was hier als Zukunft für den ländlichen Raum imaginiert wird, könnte für mein Dorf zum Problem werden.

Auf 60 Seiten wird die Vision klar beschrieben: Städter sollen sich in den strukturschwachen Gegenden rund um Berlin ansiedeln und „digitale Inseln“ schaffen. Flexibel, gemeinschaftlich und mit der Möglichkeit, jederzeit Regeneration im Grünen zu finden, ohne die Anbindung an die Stadt missen zu müssen. So sollen „Speckwürfel in der Peripherie“ entstehen, aus denen irgendwann ein Speckgürtel rund um die Stadt wächst. „Diese Orte bräuchten etwas von der vielgescholtenen Gentrifizierung, die in den Städten als Ungemach gilt“, heißt es in der Broschüre, „um jungen Leuten etwas zu bieten.“

Foto: Johann Otten

Mit der COVID-19-Pandemie ist dieser Traum für viele Kreative und Kulturschaffende  Wirklichkeit geworden: Das Home-Office braucht keinen festen Arbeitsplatz, die Anwesenheitspflicht bei Vernetzungstreffen entfällt und die Teilnahme an kultur-politischen Diskursen ist von überall möglich. Die Aussicht, dass viele dieser flexiblen Arbeitsformen auch nach der Pandemie erhalten bleiben, hat auch mich aufs Land gezogen. Seit einem Jahr lebe ich in einem Projekt, in dem einige Frauen schon länger erproben, wie nachhaltige Kulturarbeit auf dem Land aussehen kann. Seit einem Jahr muss ich mich aber auch immer wieder fragen: Bin ich Teil des Problems oder der Lösung?

Eine neue Form der Gentrifizierung

Schon jetzt gibt es in jenen Dörfern mit Berlin-Anbindung kaum noch bezahlbare Grundstücke für Alteingesessene. Im Berliner Umland hat sich der Quadratmeterpreis binnen zehn Jahren laut der Statistik Berlin-Brandenburg verdoppelt und lag 2018 bei 138 Euro pro Quadratmeter. In Potsdam, das noch mit der S-Bahn an die Metropole angeschlossen ist, seien die Preise „explodiert“, hält die Studie fest und auch in den Umlandkreisen von Cottbus und Brandenburg an der Havel steigen die Kaufwerte sichtlich an.

Was macht das mit einer Region wie Ost-Brandenburg, die seit der Wende strukturell vernachlässigt wurde und plötzlich zum Sehnsuchtsort vieler Städter wird? Wie kann die Fusion von New-Work-Nomad:innen und Alteingesessenen in strukturell schwachen Regionen gelingen? Und wie könnte eine gute Zukunft für alle aussehen?

Am Institut für Geografie und Regionalforschung der Universität Klagenfurt beschäftigt sich Dr. Michael Mießner mit Gentrifizierungsprozessen in ländlichen Regionen. Er selbst ist in einer Kleinstadt nördlich von Berlin aufgewachsen, wo er ähnliche Prozesse wie in Ost-Brandenburg beobachtet. Aber ist der Abverkauf des Berliner Umlands mit der Gentrifzierung in der Stadt zu vergleichen?

„Es gibt Anzeichen, die Richtung Gentrifizierung weisen.“, sagt Mießner. Zur Gentrifizierung gehörten klassischerweise die sogenannten Pionier:innen, die eine Aufwertung der Gegend vorantreiben. Er selbst verfolgt einen politisch-ökonomischen Forschungsansatz, der wirtschaftliche Aufwertungsprozesse in den Mittelpunkt stellt. Dabei zeichne sich Gentrifizierung vor allem durch das anwachsende Kapital in den Regionen aus und den Anstieg der Mieten, der zu einer Verdrängung von Alteingesessenen führt. „Auf dem Land gibt es keine so starke Mietmarktdominanz wie in der Stadt, daher ist Miet-Verdrängung noch kein so großes Thema,“ sagt der Wissenschaftler, trotzdem stellt er fest: „Wir erleben gerade eine Welle: Die Städte-Hierarchie verschiebt sich. Die urbanen Mittelschichten siedeln sich in den sogenannten Städten der zweiten Reihe an, wo es ruhiger und grüner ist, die Anbindung an die Stadt aber noch vorhanden.“ Angesichts der Vision einer „Landlust 4.0“ warnt Mießner aber auch: „Man muss aufpassen, sich nicht nur an Kapital und Zuzugsmasse zu orientieren und die sozialen Belange hinten runter fallen zu lassen. Das kann einem später wieder auf die Füße fallen.“

Foto: Johann Otten

Digitale Nomad:innen als Kapital des neuen ländlichen Raums?

Die sozialen Herausforderungen von Co-Working-Spaces auf dem Land, Hausprojekten, Zweitwohnsitzen werden in der Broschüre des Berlin-Instituts nicht angesprochen. Die Perspektive der Publikation ist klar: Angesichts des Bevölkerungsschwunds bestehe „kaum noch Hoffnung für die Dörfer“, digital Arbeitende müssten „dem ländlichen Raum flächendeckend aus der Misere helfen.“ Dieser Raum lasse „sich nicht planwirtschaftlich neu wiederbesiedeln.“ Abgesehen von dem unnötigen Seitenhieb auf die DDR-Vergangenheit dieser Region, zeigt sich am paternalistischen Tonfall dieser Annahme ein Problem, das vielerorts auftritt: Digitale Nomad:innen, die ihre neuen Inseln auf dem Land nicht verlassen, können zum potenziellen Treiber sozialer Abschottung und Verdrängung werden. Das Berlin Institut prophezeit: „Funktionieren kann seine Wiedergeburt als Dorf 4.0 nur, wenn sich Menschen finden, die dort etwas bewegen. Sie sind das wichtigste Kapital des neuen ländlichen Raums.“

Die Vision eines Wandels, der von außen, durch Leute wie mich kommen soll, verkennt, dass es vor Ort bereits fruchtbare lokale Strukturen gibt. Die Feuerwehr, das Nähstübchen oder die Töpferwerkstatt passen mitunter nicht in das romantisierte Bild der Landlust. Doch genau hier zeigen sich Strukturen, in denen Menschen bereits generationenübergreifend zusammen arbeiten, leben und ihren Hobbys nachgehen. In der Region, wo ich seit kurzem lebe, werden diese Initiativen größtenteils ehrenamtlich von älteren Frauen gestemmt. Ihre nachbarschaftlichen Aktionen sind der Kit für sozialen Zusammenhalt im Dorf – unser Großraumbüro trägt dazu wenig bei. Kurzzeitaufenthalte wirken sich auf den sozialen Zusammenhalt im Dorf aus: Wer zum Urlaub in den Zweitwohnsitz kommt, engagiert sich nicht im Gemeinderat. Zuziehende verändern das Umfeld nach ihren Vorstellungen, strukturieren Gärten nach ihrem Vorbild des ländlichen Idylls, schaffen Infrastrukturen, die sie zum Leben und Arbeiten brauchen. Das muss nicht zwangsläufig zum Problem werden, kann aber mit den Lebensrealitäten vor Ort kollidieren, sagt auch Gentrifizierungsforscher Mießner: „Man hängt da schnell in einer Zwickmühle: Einerseits will man die Förderung strukturschwacher und ländlicher Regionen vorantreiben, andererseits birgt das ein großes Konfliktpotenzial.“

Foto: Johann Otten

Da es weder in Deutschland noch in Österreich Studien zu Gentrifizierungsprozessen auf dem Land gibt, kann der Forscher nur mutmaßen. „Diese Entwicklung könnte eine Art Bevölkerungsaustausch nach sich ziehen“, sagt er „nicht durch Mietverdrängung, aber durch die neuen Ideen von Landleben, in denen sich Alteingesessene nicht wiederfinden.“

 

Noch hakt der Traum vom digitalisierten Landleben oft an der Internetverbindung. Der „Umzugshelfer“ Digitalisierung, wie ihn sich das Berlin-Institut erhofft, kommt nicht so richtig in Fahrt. Bis Brandenburg den Breitbandzugang ausgebaut hat, könnte man die Zeit also besser nutzen, um das zu tun, wofür das Landleben sich besonders eignet: Am Gartenzaun die eigenen Nachbar:innen kennenlernen. Der Gartenfunk funktioniert besser als die meisten sozialen Netzwerke digitaler Millennials. Statt bereits bestehenden Strukturen ungefragt eine Modernisierung herbeizuwünschen, könnte Investition im ländlichen Raum jene besser unterstützen, die schon ihr Leben lang Gemeindearbeit leisten. Wenn das „Urbane Dorf“, wie es sich das Berlin-Institut vorstellt, für Zugezogene wie Alteingesessene lebenswert sein soll, muss es eine neue Visionen finden und neue Fragen entwickeln, statt altbewehrte Gentrifizierungstreiber aus der Stadt zu übernehmen. Die Herausforderung wird sein, bestehende Strukturen und Lebensformen mit denen der Zugezogenen zu verknüpfen, ohne dabei die paternalistische Hierarchie von Stadt und Land zu reproduzieren. Wünsche und Visionen gibt es genug: Die Dorfbibliothek träumt von zuverlässigem Internet, das Nähstübchen will sich vergrößern und die  Dorfvorsteherin wollte kürzlich die integrative Küche eröffnen.

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