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Sprungbrett – Auf dem Weg zum Beruf in Zeiten von Corona

Zu jeder Ausgabe wollen wir euch eine NGO vorstellen, deren Arbeit unsere Gesellschaft zu einer besseren macht. Die gemeinnützige Organisation sprungbrett für Mädchen will jungen Frauen und Mädchen kostenlose Beratung bieten und beim Einzug in das Berufsleben unterstützen. Für diesen Text haben sich die Teilnehmer:innen von AFit sprungbrett_girls* zusammengesetzt und für period. einen Text darüber geschrieben, welche besonderen Herausforderungen, aber auch Chancen diese Pandemie mit sich gebracht hat.


Wir, die Teilnhemerinnen* von AFit sprungbrett_girls*, sind alle sehr aufgeregt als wir uns Anfang Juni treffen. Pünktlich um 8.45 Uhr gehen wir in die Werkstatt. Unsere Trainerinnen* sind schon da und erwarten uns. Auf den Werkbänken liegen noch unsere halbfertigen Schlüsselanhänger aus Speckstein, die wir vor dem zweiten Lockdown angefangen haben. Heute ist ein besonderer Tag. Seit Mitte November waren wir nicht mehr als ganze Gruppe am Standort. Einige von uns haben die Werkstatt noch gar nie gesehen, sondern kennen AFit nur von zu Hause aus – Homeoffice war die letzten Monate angesagt.

Vorteile von Corona
Vorteile von Corona
Foto: Sprungbrett

Nach unserer Morgenrunde starten wir gleich mit unserem Auftrag. Wir sollen einen Artikel für period. schreiben. Klingt schwierig! Banu, unsere Trainerin*, holt das Flipchart und schreibt den Titel groß auf das Papier: „Auf dem Weg zum Beruf in Zeiten von Corona“. Sylvieh, unsere zweite Trainerin*, teilt uns in zwei Gruppen und gibt uns die Aufgabenstellung. Eine Gruppe muss sich mit den besonderen Herausforderungen und Belastungen auseinandersetzen, die andere Gruppe legt den Fokus auf die Chancen und Vorteile, die diese Pandemie mit sich bringt.

Nach intensiven 30 Minuten in den Kleingruppen treffen wir uns wieder und präsentieren den anderen unsere Ergebnisse: „Mit Abstand am schwierigsten“, meint Leonie*, „war die Isolation für mich. Meine Freund:innen nicht sehen zu dürfen, war das Allerschlimmste.“ Mit dieser Meinung ist sie nicht alleine, alle Teilnehmerinnen schließen sich Leonie an und erzählen von Einsamkeit, Langeweile und wie sehr sie unter den Einschränkungen der sozialen Kontakte gelitten haben.

Plakat "Nachteile von Corona"
Foto: Sprungbrett

Anja* sagt, sie sei schon völlig genervt von den vielen Maßnahmen. Die Maske nervt. Sich tausendmal am Tag die Hände zu waschen, nervt auch. Und am meisten nervt das ständige Testen. Alle stimmen zu.

Sophie* klagt über ihren psychischen Zustand, der sich in den letzten Monaten deutlich verschlechtert hat. Sie erzählt über ihre Depressionen und ihre Bewältigungsstrategien. Und darüber, wie sie damit umgegangen ist, wenn die Situation wieder einmal besonders schlimm war. Auch Leonie kennt dieses Gefühl. „Für mich ist es psychisch ziemlich belastend, dass wir Jugendlichen immer als Sündenböcke hingestellt werden – Stichwort ‚Coronapartys‘“, wirft Anja* ein. „Ja, stimmt!“, meint Esra*, „weil mein Vater schwer krank ist, durften wir sowieso nicht raus, um ihn nicht anzustecken. Nicht einmal die Kleinen durften in den Kindergarten, wir waren immer alle zu Hause eingesperrt.“ Wir reden auch noch über Schlafstörungen, den Verlust des Zeitgefühls und wie sich das alles auf die Motivation auswirkt.

Schmuck aus Ton
Foto: Sprungbrett

Esra* erzählt uns – und auch damit ist sie nicht alleine –, wie schwierig Homeoffice für sie war. Ständig stören ihre kleinen Geschwister, oft muss sie sich um sie kümmern. Es gibt viel zu wenig Platz in der Wohnung und wirklich Ruhe hat sie fast nie. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren, und auch der Computer steht nicht immer zur Verfügung, weil ihr großer Bruder ständig am Zocken ist.

Zum Thema Homeoffice haben alle was zu sagen. Für einige war es eine große Herausforderung, auf sich alleine gestellt zu sein, für andere waren die zahlreichen Zoom-Meetings eine Qual. Alle haben die Werkstatt vermisst, alle den Austausch und das gemeinsame Arbeiten in der Gruppe.

„Ich finde, wir haben aber auch viele coole Sachen gemacht im Homeoffice“, wenden Loretta* und Emily* ein, womit wir auch gleich zur Präsentation der „Chancen-Gruppe“ überleiten. Loretta zählt ihre Homeoffice-Highlights auf und wir erinnern uns an coole Medienprojekte (Foto, Video, Zeitung, Stop-Motion…), interessante Themen (Frauengeschichte, LGBTIAQ+, Identitäten, Diversity…), spannende Online-Workshops (OKTO, Safer Internet, ZARA…) und die lustigen Spielchen zwischendurch wie z.B. Kahoot. „Ich fand es toll, dass wir auch Zeit für Kreatives hatten,“ ergänzt Emily* und verweist auf die vielen coolen Werke, die im Homeoffice entstanden sind: Schmuck aus verschiedenen Materialien, Anjas Wandmalerei neben ihrem Bett, Lorettas Nagelbild, Leonies Songs auf der Gitarre.

Nagelbild
Foto: Sprungbrett

Als der Lockdown vorbei war, gab es zumindest wieder wöchentliche Ausflüge. Endlich raus aus dem Homeoffice! „Mir haben unsere Ausflüge sehr gefallen, besonders als wir als ‚Reiseleiterinnen*‘ durch die Stadt gezogen sind,“ wirft Aniana* ein. Auch unsere Trainerinnen* sind der Meinung, dass wir viel geschafft haben in dieser Zeit, viel gelernt, und dass wirklich viel weiter gegangen ist in der Gruppe.

Ein großer Vorteil von Homeoffice, bringt Aniana* ein – und die meisten teilen diese Argumente –, sei, dass man länger im Bett bleiben kann und sich den Weg zum Standort erspart. Zudem bietet das Training zu Hause eine Tagesstruktur, auch wenn man sich nicht persönlich in der Werkstatt trifft. Darüber hinaus genießen es viele auch, mehr Zeit für sich zu haben.

Wandmalerei
Foto: Sprungbrett

Und das Beste kommt zum Schluss. Loretta* zählt alle Erfolge auf, die wir auf unserem Weg zum Beruf verzeichnen konnten. Obwohl die Situation am Arbeitsmarkt zurzeit sehr angespannt ist, sind viele von uns ihrer beruflichen Zukunft ein Stück nähergekommen. Esra* und Sophie* haben eine Woche lang ein Praktikum als tierärztliche Fachassistentinnen in einer Tierarztpraxis gemacht und dabei wertvolle Erfahrungen gewinnen können. Leonie hat sich bei verschiedenen Drogerie-Filialen beworben und wurde auch schon zu Vorstellungsgesprächen und sogar auch zu Probetagen eingeladen. Aniana hat die Gastronomie für sich entdeckt und hat sich bei einer internationalen Hotelkette beworben, zudem arbeitet sie seit kurzem auch geringfügig in einem japanischen Restaurant. Und Leonie* und Anja* haben überhaupt den Jackpot geknackt – Leonie* hat ab Juli eine Lehrstelle bei einer großen Drogeriekette und Anja startet im September fix mit einer Lehre als Chemielaborantin. Wir können wirklich stolz auf uns sein!

Abschließend fassen wir unsere Ergebnisse zusammen und gestalten ein gemeinsames Plakat. Dann müssen wir nur noch ein paar passende Fotos aussuchen – und fertig ist unser erster Artikel!

*Namen wurden von der Redaktion geändert.


Der Verein sprungbrett setzt sich seit 1987 für das Empowerment von Mädchen* und jungen Frauen* ein. AusbildungsFit sprungbrett_girls* ist ein Projekt im Rahmen von NEBA, dem Netzwerk Berufliche Assistenz des Sozialministeriumservice. Dabei erhalten junge Frauen* und Mädchen* die Möglichkeit, sich zu stabilisieren, zu orientieren und die nächsten Schritte in ihrer Karriereplanung, sei es eine Ausbildung, eine Lehrstelle oder eine Arbeitsstelle, umzusetzen. Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds als Teil der Reaktion der Union auf die COVID-19-Pandemie finanziert.