period.

© Foto: ThisisEngineering RAEng

Das Unsichtbare sichtbar machen: Smart Textiles und Digital Fashion

Künstliche Intelligenz in der Mode-Welt ist weit mehr als futuristische Haute Couture auf Laufstegen. Maschinelles Lernen und KI bestimmen die Fashion-Industrie bereits grundlegend. Design, Produktion, Vermarktung und Verkauf: In den digitalen Sphären eifern die Labels den schnelllebigen Trends nach, während all jene, die offline bleiben, von der Bildfläche verschwinden.

Online-Shopping oder Fashion-Shows mit Virtual-Reality-Brille, maßgeschneiderte Werbung, Produktion auf Nachfrage, verzögerungsfreie Ware – die Industrie beschleunigt sich, sie wird effizienter. Und die Kleidung selbst? Sie wird intelligent. Begriffe wie Smart Textiles, Smart Clothing und Fashion Tech schwirren dann durch den virtuellen Raum und meinen damit vor allem eins: Computer- und Kommunikationstechnik zum Anziehen. Aber wie fortgeschritten oder salonfähig ist smarte Kleidung im Jahr 2021? Tragen wir alle bald Shirts, die unsere Herzfrequenz messen oder unsere Gefühle sichtbar machen?

Smarte Textilien

Textilien umgeben uns ständig, sie sind ein Element der Gewohnheit und Vertrautheit. Das macht sie nicht nur zum idealen Träger für smarte Technologie, sondern ermöglicht eine neue Mensch-Maschine-Interaktion, in der die Haut der Träger:innen zur Benutzeroberfläche wird. Aber wie lassen sich Computersysteme in Kleidung integrieren?

Antworten gibt Sophie Skach, Modedesignerin mit Sitz in London, die derzeit an der Queen Mary University of London im Rahmen des Media & Arts Technology Centre for Doctoral Training promoviert: Sie verbindet in ihrer Forschung Mode, Textilien und Schneiderei mit digitalen Medien, Wearable Technology und Verhaltensstudien.


Kannst du in einfachen Worten erklären, was du erforschst?

Ich untersuche mithilfe von elektronischen Textilien nonverbales Verhalten. Weiche Textilien können harte Teile wie Plastiksensoren ersetzen und Bewegungen sowie Körperhaltungen messen. Ein Mikrofon oder eine Kamera sind sichtbare und daher auffällige Messgeräte, das kann das Verhalten beeinflussen. Kleidung hat diesen Effekt nicht, sie ist viel natürlicher und subtiler.

Wie funktioniert diese Messung konkret?

Ich habe Hosen entworfen und geschneidert, in die ich Sensoren aus Stoffen eingearbeitet habe. Eingewobene Leiterbahnen aus Silber wurden zu Drucksensoren, in jedes Hosenbein habe ich 100 Stück davon integriert. Durch Bewegungen ändert sich der Druck, der wiederum entscheidet, wie viel Strom durchfließt. Diese drucksensible Kleidung kann dann meine Bewegungen nachvollziehen. Ich wollte wissen, wie genau eine Hose messen kann, ob oder wann ich spreche, ob ich mich in einem Gespräch aktiv oder passiv verhalte. Erkennt sie, wenn ich lache, nervös oder unruhig bin?


Nach ihrem Studium der Herrenmode und Stricktechnik sowie der Mathematik in Österreich und Großbritannien hat Sophie Skach ihre Kollektionen auf internationalen Laufstegen präsentiert und eng mit der Textilindustrie zusammengearbeitet. Als Designerin und Beraterin arbeitete sie sowohl mit großen Unternehmen (z.B. Swarovski) als auch für Mode-Start-Ups in ganz Europa (z.B. Son Of A Tailor).


Konntest du deine Forschungsfragen beantworten?

In Grundzügen. Die Druckmappe, die ich im Laufe des Experiments erstellt habe, zeigt auf, wenn jemand spricht oder schweigt, die Beine überkreuzt oder nicht, aufrecht oder gekrümmt sitzt. Tatsächlich sind die Po-Backen sehr aussagekräftig: Wer spricht, übt weniger Druck auf sie aus, passive Gesprächspartner:innen hingegen mehr. Frauen machen außerdem größere Körperbewegungen, Männer sind eher stoisch.

Werden wir bald alle intelligente Kleidung tragen?

In der Theorie ist schon viel möglich, aber es dauert bestimmt noch 15 bis 20 Jahre, bis diese Art der Kleidung bei der breiten Masse ankommt.

Effekt oder Funktionalität?

Woran liegt das? Wo befindet sich der Stand der Forschung derzeit?

Smarte Textilien sind nicht neu, seit über 30 Jahren wird daran geforscht und wir scheitern immer wieder an denselben Hürden. Die großen Fragen sind: Wie kann man ein Kleidungsstück mit Energie versorgen? Wie lässt sich harte Elektronik am besten in weiche Stoffe integrieren? Die Forschungsgruppe Advanced Textiles der Nottingham University arbeitet an einer Nano-Technologie, die das Problem der Härte des Mikro-Chips lösen soll. Sie arbeiten mit so kleinen Elementen, dass man sie in die Faser integrieren kann.

So kann man zum Beispiel Temperatur-Sensoren in Verbände einarbeiten und messen, ob eine Wunde infiziert ist oder nicht. Die Medizin kann enorm von smarten Textilien profitieren. Aber die ersten großen Durchbrüche werden dem US-amerikanischen Militär oder der NASA gelingen. Das Militär, das für die Entstehung vieler Technologien, wie etwa SMS oder GPS, verantwortlich ist, geht aber sehr geheimnisvoll mit seinen Entwicklungen um. Auch in der Raumfahrt werden smarte Textilien entwickelt und angewendet. Bislang hat man Astronaut:innen riesige Geräte um den Hals gehängt, um sie ständig beobachten und messen zu können; jetzt tragen sie nach und nach Shirts mit eingearbeiteten Sensoren.

Foto zur Verfügung gestellt von Sophie Skach

Die Forschungsgruppe Advanced Textiles hat sogenannte E-Yarns E-Yarns = electronically-active yarns, also elektronisch aktive Fäden

entwickelt, die für Träger:innen völlig unsichtbar sind, sodass die Elektronik problemlos in der Nähe der Haut platziert werden kann. Sie werden in unterschiedlichen Bereichen angewendet: Akustisch fühlende Garne können Schall aufzeichnen und sicherstellen, dass die Träger:innen keinen gefährlichen Lautstärken ausgesetzt sind, während lichtsensorische Garne die Herzfrequenz überwachen können. Auch Energiegewinnung ist möglich: Solar-E-Yarns sind in der Lage, elektronische Textilgeräte mit Strom zu beliefern. Sie werden aber nicht nur in der Gesundheitsüberwachung und im Sport eingesetzt: Vor allem LED-E-Yarns finden auch in der Mode und Performancekunst Anwendung.


Wie präsent sind smarte Textilien in der Kunst und auf den Laufstegen?

Sie werden immer präsenter, wobei im Unterschied zur Wissenschaft die Grenze zwischen Sinnhaftigkeit und Spielerei, zwischen Funktion und Effekt sehr fließend ist. Die Modebranche liebt es, mit Effekten zu spielen, vor allem mit Licht und Sound. Ich wurde gerade erst von einem Forschungsteam der Berliner Universität der Künste eingeladen, ein Kleidungsstück für eine Performance-Künstlerin zu entwerfen, das auf Bewegungen reagiert und Sound kreiert. Dafür arbeite ich nicht mit Druck-, sondern mit Falttechniken. Das Oberteil wird auf Bewegungen der Arme reagieren.


Unsichtbares sichtbar machen

Funktionalität oder Ästhetik – das sind die beiden Kriterien, anhand derer man Kleidung bislang bewertet hat. Wird Kleidung intelligent, hat sie jedoch auch das Potential, die Beziehung zwischen Kleidungsstück und Nutzer:in enger werden zu lassen, indem es das Unsichtbare sichtbar oder das Abwesende spürbar macht. Das hat auch die 2004 gegründete Firma CuteCircuit, die weltweit erste Modemarke für tragbare Technologien, erkannt. Francesca Rosella, einst bei Valentino tätig, und Ryan Genz, Interaktionsdesigner und Anthropologe, haben unter anderem ein Sound-Shirt auf den Markt gebracht, das es gehörlosen Menschen ermöglicht, Musik durch Berührungsempfindungen zu spüren. Ihre Hug-Shirts können wiederum mit eingebauten Druck- und Vibrationsmotoren via Smartphone-App Umarmungen verschicken, wahrnehmen und speichern.

Das Fashion-Tech-Unternehmen Wearable X hat mit ihrem ersten Produkt Fundawear ähnliches versuch: Vibrierende Unterwäsche soll die Distanz zwischen Paaren in Fernbeziehungen spürbar verringern. Berührungseingaben werden über ein Smartphone entgegengenommen und online sowie über einen Echtzeit-Server an das Touchscreen-Gerät des jeweils anderen gesendet. Von dort werden sie an das Kleidungsstück übertragen, wo das Berührungsgefühl auf der Haut nachgebildet wird.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von WEARABLE X (@wearablex)

Smart Fashion in Wien

Wie steht es um Smart Fashion in Wien?

Tatsächlich ist Wien ein Zentrum der Smart Fashion und beeinflusst die Szene weltweit. Vor allem das Duo KOBAKANT und Irene Posch sind sehr bekannt. KOBAKANT hatte eine Schneiderei für elektronische Textilien, Irene Posch hat textile Handwerkstechniken angewandt, um einen Computer zu sticken: The Embroidered Computer. Ich persönlich finde es wunderschön, dass dieser Teil von Smart Fashion den Fokus wieder auf die Handarbeit und die Maßschneiderei lenkt. Irgendwie paradox, weil wir hier ja von digitalen Technologien reden. Das Handwerk bekommt aber durch Digitalisierung neuen Aufschwung. Forscher:innen benötigen für die Weiterentwicklung von smarten Textilien fundamentalen Hintergrund im textilen Bereich, nicht nur in den Computerwissenschaften. Je mehr Disziplinen zusammenarbeiten, umso schneller werden smarte Textilien noch smarter – und schöner.


Mika Satomi und Hannah Perner-Wilson gründeten 2008 das Kollektiv KOBAKANT. Gemeinsam erforschen sie die Verwendung von Textilhandwerk und Elektronik als Medium, um technologische Aspekte der heutigen Hightech-Gesellschaft zu kommentieren. Sie veröffentlichten die Online-Datenbank HOW TO GET WHAT YOU WANT zum Austausch ihres DIY-Wearable-Technology-Ansatzes. Von 2017 bis 2019 führten sie die KOBA-Schneiderei für elektronische Textilien in Berlin.

Irene Posch ist Forscherin, Künstlerin mit einem Hintergrund in Medien- und Computerwissenschaften und Professorin für Design & Technologien an der Universität für künstlerische Gestaltung Linz. Ihre Arbeit erforscht die Integration technologischer Entwicklungen in die Bereiche Kunst und Handwerk und umgekehrt sowie deren soziale, kulturelle, technische und ästhetische Implikationen. Ihr Werk The Embroidered Computer ist eine Erkundung der Verwendung historischer Goldstickereimaterialien und -kenntnisse zur Herstellung eines programmierbaren 8-Bit-Computers, der aus magnetischen Metallfäden sowie Glas- und Metallperlen gebaut ist.

Wenn man über Smart Fashion und Wien spricht, dürfen MOB-Industries nicht fehlen. Das Label hat sich auf barrierefreie Mode spezialisiert, die Kleidung ist für Körperformen von Rollstuhlnutzer:innen optimiert. Für Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen will MOB Industries eine Lösung anbieten – Prothesen, altersbedingte oder kognitive Einschränkungen sowie chronische Autoimmun-Erkrankungen. Dabei setzen MOB Industries auf ergonomisches Design, das An- und Ausziehen einfacher machen soll. Durch Magnetverschhlüsse wird die Autonomie gefördert, da entweder weniger bis keine Hilfe mehr beim An- und Auskleiden benötigt wird.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von MOB Industries (@mob.industries)

Sustainability und Digital Fashion

Die Modebranche ist eine der CO2-intensivsten Industrien, sie ist für 10% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ist Smart Fashion Teil dieser Bewegung oder ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit?

Die Frage nach Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist ein zweischneidiges Messer. Ich habe für die Firma Son of a Tailor in Kopenhagen gearbeitet, dort wird alles maßgeschneidert. Die Kund:innen geben ihre Maße an, diese werden digital verarbeitet und damit ein Schnitt erstellt. So wird nur Kleidung produziert, die auch tatsächlich verkauft wird, also: weniger Abfall und keine Überproduktion. Das ist natürlich gut. Auch Transparenz ist ein wichtiger Schritt. QR-Codes in Kleidungsstücken machen nachvollziehbar, wo der Stoff herkommt und wie das Teil produziert wurde.

Aber natürlich geht es auch viel um Marketing und kommerzielle Zwecke. Kundendaten werden gezielt gesammelt, Kaufverhalten gespeichert und basierend darauf werden Produkte vorgeschlagen. Die Modeindustrie ist eine sehr getriebene Branche, der Wettbewerbsdruck ist durch die Digitalisierung weiter gestiegen.


Das Internet ist bekannt dafür, Wünsche mit einem Mausklick zu erfüllen. Je mehr geklickt wird, desto besser kennen Amazon, Zalando & Co die Stilvorlieben der Nutzer:innen, auf deren Grundlage KI dann Mode kreiert oder Produktempfehlungen abgibt.

Konsumzwang wird gesteigert, unbedachter Konsum nimmt zu, die Preise sinken, die Löhne auch. Eine Gegenbewegung zur Fast Fashion ist die aus der Raumfahrt stammende Idee des geschlossenen Kreislaufs: Wo es keine neuen Ressourcen gibt, muss alles möglichst wiederverwendbar sein. So wandelt beispielsweise das Unternehmen Fairbrics Abfall-CO2 mithilfe von Molekularchemie in Polyestergewebe um; auf diese Weise kann Polyester mit der geringsten Umweltbelastung hergestellt werden.

Alte Ressourcen lassen sich aber auch schonen, indem man auf neue Materialien zurückgreift: Die britischen Designer VIN + OMI arbeiten mit recycelten Kunststoffen und selbst erzeugten Textilien aus organischen Pflanzen wie Pilzen, Algen, Brennnesseln oder Seegras. Einer ihrer ersten Stoffe auf pflanzlicher Basis war ein Leder aus ausrangierten Schalen der Rosskastanie.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von VIN + OMI (@vinandomi)

Spinnt man diesen Gedanken weiter, tauchen neue Fragen auf: Wie nachhaltig ist Kleidung, die ganz ohne Textilien auskommt? Was, wenn statt Ressourcen nur Daten „verschwendet“ werden? Brauchen Kleidungsstücke menschliche Körper, um ihre Existenz zu rechtfertigen? Was bedeutet Fashion, wenn sie unabhängig von physischen Gesetzen ist und es endlose Bits und Bytes gibt, um sie auszudrücken? Kann das nächste Supermodel ein Avatar sein? Ja, sagt Digital Fashion, die rein computergenerierte Darstellung eines Kleidungsstücks oder Accessoires, die in virtuellen Realitäten genutzt und gehandelt werden kann.

Ein Aufwärtstrend, den auch Karinna Nobs und Marjorie Hernandez erkannten und The Dematerialised gründeten: ein Web3-Marktplatz für authentifizierte digitale Mode. Web3 meint ein Internet, das durch dezentralisierte Netzwerke wie Bitcoin und Ethereum ermöglicht wird. So können Plattformen geschaffen werden, die nicht von einer einzelnen Instanz kontrolliert werden, denen aber dennoch jede:r vertrauen kann, weil jede:r Benutzer:in und Betreiber:in dieser Netzwerke denselben fest kodierten Regeln folgen muss – sogenannten Konsensprotokollen. Angetrieben wird The Dematerialised von der Fashion-und Lifestlye-Blockchain LUKSO, ein Berliner Start-Up, dass die Blockchain-Technologie nutzen will, um die Kreativ-Industrie zu revolutionieren.

In der digitalen Welt werden unsere Körper fließend, unser Geld wird dezentralisiert. Die logische Konsequenz ist, dass Fashion und Kryptowährungen immer mehr Hand in Hand gehen, wie auch die Crypto Fashion Week, die Ende Februar 2021 stattfand, aufzeigt. Als Sprecherin wurde unter anderem Amber Jae Slooten, Mitbegründerin und Creative Director bei The Fabricant, eingeladen: Ein „Digital Fashion House“, das 2019 ihr digitales Couture-Kleid „Iridescence“ um 9500 US-Dollar bei einem Blockchain-Gipfel verkauft und digital maßgeschneidert auf ein hochauflösendes Foto der neuen neuen Besitzer:in montiert hat.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von LUKSO (@lukso)

The Fabricant & Co bieten einen Blick in eine Zukunft, die Systeme der Mode-Branche revolutioniert, vor allem aber den menschlichen Körper erweitert oder gar transzendiert. Smart und digital Fashion – wenn auch noch nicht bei der breiten Masse angelangt – zwingen uns dazu, Fragen in und außerhalb der Fashion-Welt neu zu denken; sie öffnen Türen für eine neue Form von Selbstausdruck und Interaktion und sind gerade deshalb von großer Relevanz.