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© Apollonia Bitzan

Wie die Stadt der Zukunft auf den Klimawandel reagieren muss

In unserer Serie rund um die unterschiedlichen Schwerpunkte der Klimaforschung werfen wir in diesem Beitrag einen Blick in Richtung Stadt: Welche Herausforderungen bringt der Klimawandel für Großstädte? Was erwartet uns, wenn die Temperaturen weiter steigen und wie gehen wir damit um? Brigitta Hollosi ist Stadtklimaforscherin an der ZAMG und beschäftigt sich mit Klimamodellierung für die Stadtplanung. Sie begleitet unter anderem die Evaluierung von Anpassungsmaßnahmen im städtischen Raum, erst kürzlich im Rahmen eines Projektes in der Seestadt Aspern.

„Hier gibt es sehr konkrete Fragestellungen, man beschäftigt sich mit konkreten Lösungen. Und man lebt in der Stadt, ist Teil der Stadt.“, so beschreibt die Wissenschaftlerin, warum sie dieser Bereich ganz besonders fasziniert.

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Hollosi hat es nach ihrem Studium an der Universität in Budapest an die ZAMG in Wien gezogen. Dort ist schnell die Entscheidung für den Bereich Stadtklima gefallen. Aktuell untersucht sie den städtischen Wärmeinseleffekt: Im Sommer kann es auf großen, asphaltierten Flächen mit wenig Schatten und wenig Flora sehr heiß werden. Vor allem dann, wenn zusätzlich noch Verkehr und und andere anthropogene Wärmequellen das Bild prägen. Hollosi beschäftigt sich damit, wie diese Inseln entstehen und welche Anpassungsmaßnahmen die Hitzeentwicklung drosseln können. Das wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten sehr wichtig werden und der Hauptgrund dafür ist der Klimawandel, aber auch der prognostizierte Urbanisierungstrend fällt hier ins Gewicht.

Der Klimawandel als Fokus der Stadtplanung

Heiße Nächte gab es in diesem Jahr viele in Wien: Gerade in Städten werden Tropennächte zu einem immer stärkeren Problem. Wenn sich die Lufttemperatur in der Nacht nicht genug abkühlt, leiden Schlaf und Gesundheit. Vor allem aufgrund von Hitzewellen und Trockenheit nimmt das Thema Klimawandel auch in der Stadtplanung eine immer größere Rolle ein. Wie wir bereits mit Marc Olefs, Leiter der Klimaabteilung an der ZAMG, besprochen haben, wird die Anzahl der Tropennächte in Wien bis 2050 rasant steigen.


Um zu verhindern, das Problem zu vergrößern – etwa im Zuge von Stadterweiterungsprojekten – kann das Stadtklima vorab modelliert werden. So können Auswirkungen von baulichen Maßnahmen untersucht werden: „Modelle sind mittlerweile grundlegende Werkzeuge in der Stadtplanung: Ein Code, der physikalische Prozesse in mathematischen Gleichungen beschreibt und die Charakteristika von Städten aufgreift. Zur Modellierung braucht man ein Verständnis von mikroklimatischen Systemen: Was passiert zum Beispiel, wenn ein Baum gepflanzt wird?“, beschreibt Brigitta Hollosi die Herangehensweise an die Stadtklimamodellierung.

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Die Expertin betont, wie wichtig es ist, schon vor Start der Planung von großen Bauprojekten auf die Auswirkungen der Maßnahmen zu blicken. Will man der Hitzeentwicklung entgegenwirken, so reiche es nicht, möglichst viele Bäume zu pflanzen. Falsch geplant, können Bäume nämlich auch Frischluftströme stören, die für die Abkühlung in der Stadt vor allem in der Nacht relevant sind. Die Forschung macht derzeit große Sprünge nach vorne, wenn es darum geht, auch mikroklimatische Veränderungen für gesamte Stadtteile oder Städte durch Modelle abzubilden. Das liegt einerseits daran, dass die Rechenleistung der Computer zunimmt und so größere Datenmengen schneller verarbeiten können.

„In einer Zukunft, die bis zu 80 Hitzetage im Jahr bringen wird, werden solche exakten Modelle immer wichtiger.“

Der Bedarf an hochaufgelösten Klimainformationen ist in den letzten Jahren stark gestiegen, das Innovationspotenzial des Forschungsbereichs ist gleichzeitig enorm. Mit „Green Resilient City“, dem Projekt, das Brigitta Hollosi in der Seestadt begleitet hat, wurde eine neue Herangehensweise an die Koppelung unterschiedlicher Modelle getestet. Hier wurden globale Klimamodelle mit regionalen Modellen, Stadtklimamodellen bis hin zu Modellen einzelner Bauparzellen, zusammengeführt. In einer Zukunft, die bis zu 80 Hitzetage im Jahr bringen wird, werden solche exakten Modelle immer wichtiger und das nicht nur in der Großstadt: „In der letzten Zeit sind nicht nur mehr Großstädte an Klimaanpassungsmaßnahmen interessiert, sondern auch mittelgroße und kleinere Städte“, erzählt Hollosi.

Dachgärten und grüne Fassaden gegen die Hitze

Hitze ist in der Stadt schon lange ein Problem, das sich aber durch den Klimawandel massiv verschärft. Stadtbewohner:innen spüren die Erderwärmung viel stärker als Menschen, die im ländlichen Bereich wohnen. Der „Concrete Jungle“ mit seinen asphaltierten Flächen, Häusern und Straßen absorbiert die Sonnenstrahlung um einiges mehr als Grünflächen. So wärmen sich Bereiche in der Stadt bei warmen Temperaturen schneller auf und geben diese Wärme in der Nacht wegen der Wärmespeicherung langsamer bzw. verzögert ab. „Der Klimawandel wirkt sich bereits jetzt auf die Städte aus und man kann davon ausgehen, dass diese in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch stärker werden. Die Stadtbewohner:innen jedoch erleben nicht nur die Auswirkungen des globalen Temperaturanstiegs, sondern sind durch das Stadtklima einer erhöhten thermischen Belastung ausgesetzt“, so Hollosi.

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Es geht bei der Stadtklimaforschung nicht nur um neue Bauprojekte: Auch die bestehenden städtischen Strukturen müssen angepasst werden, um das Hitzeproblem abzuschwächen. Eine populäre Maßnahme, die Temperaturen in der Stadt zu verringern, sind Dachgärten und grüne Fassaden. In Wien wird derzeit massiv in den Ausbau solcher Begrünungsmaßnahmen investiert, denn Gärten spenden nicht nur Schatten, sondern erhöhen auch generell das Wohlbefinden.

Doch was ist mit Maßnahmen, die notwendig sind, um die innerstädtische Erwärmung zu verbessern, aber dabei nicht unbedingt ins Stadtbild passen würden? Bei der Sanierung von Wohnhäusern kann auf innovative Materialien zurückgegriffen werden, wie zum Beispiel Farbe, die das Licht stärker zurückreflektiert und so die Erhitzung von Außenwänden verhindern kann.

„Anpassungsmaßnahmen sind alleine nicht die Lösung für den Klimawandel, man darf ihre Wirkung auch nicht überschätzen. Wir kommen nicht umher, Treibhausemissionen radikal zu reduzieren.“

Generell sollte der Sanierung von bestehenden Wohnhäusern aus Sicht der Forscherin mehr Aufmerksamkeit zukommen: „Man kann Altbestand mittlerweile sehr gut energieeffizienter gestalten oder sanieren. Es ist eine Vielzahl an Maßnahmen, die in Kombination dazu führen können, die Temperatur in einer Stadt spürbar zu senken. Es muss ein Gesamtkonzept geben und der Fokus darf nicht nur bei den Stadterweiterungsprojekten liegen. Anpassungsmaßnahmen sind alleine nicht die Lösung für den Klimawandel, man darf ihre Wirkung auch nicht überschätzen. Wir kommen nicht umher, Treibhausemissionen radikal zu reduzieren.“ Wasser in die Stadt bringen, begrünen, Flächen entsiegeln, der Einsatz klimafreundlicher Baustoffe, die Feinstaubbelastung verringern: Auf dem Weg zur Stadt der Zukunft liegt noch viel Arbeit vor uns.

Finger weg von der Lobau

Die Maßnahmen, über die Brigitta Hollosi spricht, sind sinnvoll und werden tatsächlich in der Stadtplanung immer populärer. Es gibt zahlreiche Lösungen, jedoch passieren die Entwicklungen nicht zügig genug. Es müsse viel schneller gehandelt, Anpassungen mit viel höherem Tempo durchgeführt werden. Hier wird die Forscherin sehr deutlich: „Das Zeitfenster, das vorhanden ist, um die gesetzte Ziele zu erreichen und Maßnahmen zu setzen, wird immer knapper.“

Mehr Tempo müsse es etwa im Bereich Entsiegelung geben: In anderen Europäischen Städten, wie zum Beispiel in Kopenhagen, ist die Dringlichkeit dieser Maßnahme schon längst erkannt worden. Der „Concrete Jungle“ ist kein Zukunftsmodell, das wird immer klarer. Es ist kein Zufall, dass das Bauvorhaben rund um den Lobautunnel und den Ausbau der A1 nicht nur von Umweltorganisationen kritisch gesehen wird. Auch Brigitta Hollosi findet sehr klare Worte: „Das geplante Bauvorhaben bzw. generell die Erschaffung neuer Straßeninfrasturktur verursacht die Versiegelung des Bodens. An diesen Stellen, wo zubetoniert oder asphaltiert wird, geht wertvoller Lebensraum verloren.“

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Die bestehenden Grünflächen in Wien, vor allem die größeren, sind kritisch für das Stadtklima. Das gilt für den Prater, für den Wienerwald und eben auch für die Lobau. Während kleine Parks zwar punktuell für Abkühlung und Erholung sorgen können, sind ihre mikroklimatische Auswirkung beschränkt.

Umso wichtiger sei es, die Pläne zum Lobautunnel zu überdenken. Eine Umsetzung des Bauvorhabens hätte zur Folge, dass weitere wertvolle Flächen versiegelt würden, und somit Lufttemperatur in der Umgebung steigen würde. Und damit nicht genug: „Der Ausbau der Straße könne wiederum zu mehr Bauten im direkten Umfeld führen. Die Grundidee des Projektes liegt bereits viele Jahre zurück und die Rahmenbedingungen haben sich mittlerweile klar verändert. Das geplante Projekt kann meiner Meinung nach mit den Klima- bzw. Boden- und ressourcenschonenden Zielen schwer in Einklang gebracht werden.“

Wie lebenswert unsere Städte in den kommenden Jahrzehnten sein werden, hängt immer fundamentaler von der Art und Weise ab, wie sie auf den Klimawandel reagieren. Am Beispiel Lobau wird sich unter anderem zeigen, wie sehr diese Erkenntnis im kollektiven Bewusstsein und in der Politik angekommen ist.

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