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Klima in der Krise: Warum es jetzt schnell gehen muss

Hinter dem Kürzel ZAMG steckt die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Hier werden wir heute den Tag verbringen: Wir treffen vier Forscher:innen, die sich mit unterschiedlichen Bereichen der Klima- und Wetterforschung auseinandersetzen. Die einzelnen Bauten der ZAMG mitsamt der unzähligen Messstationen und Gerätschaften bieten den Besucher:innen eine ungewöhnliche Kulisse inmitten der Villen der Vorstadt. Die ZAMG liegt am Rande Wiens, im tiefsten bzw. höchsten Döbling, auf der Hohen Warte. 1851 unter Kaiser Franz Joseph I gegründet, ist sie der älteste staatliche Wetterdienst der Welt. 

Wir wollen herausfinden, woran hier geforscht wird und wir wollen natürlich auch unsere brennendste Frage beantworten: Was weiß man hier über den Klimawandel und müssen wir sogar von einer Klimakrise sprechen? Diese und weitere Fragen stehen in dem kleinen Notizbuch, in dem ich die letzten Wochen meine Gedanken notiert habe. Mit den schweren Unwettern in Deutschland, den Temperaturspitzen in Kanada, dem Taifun in Zentralchina, den Überschwemmungen in Indien und schlussendlich den verheerenden Bränden im Mittelmeerraum ist hier einiges zusammengekommen. 

Marc Olefs (c) Apollonia Theresa Bitzan

Marc Olefs ist Leiter der Abteilung Klimaforschung und heute unser erster Gesprächspartner. Der Meteorologe empfängt uns in seinem Büro. Nach einem von Unwettern, Starkregen und Waldbränden geprägten Sommer kenne ich seine Stimme aus dem Radio, sein Foto aus der Zeitung; sogar in der nächtlichen ZIB habe ich ihn schon gesehen. Er ist derzeit einer der meistgeladenen Expert:innen, wenn es darum geht, Wetterereignisse zu kommentieren und einzuordnen. 

Olefs studierte Meteorologie an der Universität Innsbruck, seit 2018 leitet er oben genannte Abteilung. Am Anfang sprechen wir über die Organisationsstruktur der ZAMG. Die meisten Forschungsgelder der Zentralanstalt kommen aus der Arbeit am kompetitiven Forschungsmarkt, außerdem übernimmt sie als nationaler Dienst gesetzlich vorgeschriebene Aufgaben. Dazu gehören die Überwachung des Klimasystems und in weiterer Folge die Einordnung von Veränderungen in selbigen. Dann möchte ich wissen: Warum lese, sehe und höre ich derzeit so viel von Olefs in den Medien?

Wenn Klimamodelle auf Datenlage treffen 

Das hat verschiedene Gründe, antwortet der Experte. Während vor einigen Jahren nach Unwettern oder Starkregenfällen noch spekuliert wurde, inwieweit der Mensch für Extremwetterereignisse verantwortlich gemacht werden kann, untermauert mittlerweile die Datenlage Jahrzehnte alte Klimamodelle. „Die beobachtete Temperaturänderung von 1950 bis jetzt ist zu mehr als die Hälfte menschengemacht. Wenn wir uns nur die letzten 30, 40 Jahre ansehen, hat der Mensch schon über 80% Anteil an dieser Entwicklung. Das liegt daran, dass die Emissionen weiterhin steigen, aber natürliche Klimaantriebe z.B.: Sonnenaktivität oder vulkanische Aerosole gleich bleiben. Deswegen wird derzeit auch darüber diskutiert, ein neues geologisches Zeitalter einzuführen, das Anthropozän. In seinem neu erscheinen Sachstandsbericht hat der IPCC Weltklimarat sogar festgestellt, dass die globale Temperaturerhöhung seit vorindustrieller Zeit 1850-1900 bis heute praktisch zur Gänze menschengemacht ist.“Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist

Somit verdichtet sich auch die mediale Berichterstattung zum Klimawandel; was wiederum von Sozialen Medien verstärkt wird. Während ich also vor 15 Jahren eventuell nicht gewusst hätte, was in Zentralchina oder Indien passiert, spuckt mir mein Smartphone die entsprechenden Bilder heute zum Frühstück aus.

In seinem neu erscheinen Sachstandsbericht hat der IPCC Weltklimarat sogar festgestellt, dass die globale Temperaturerhöhung seit vorindustrieller Zeit (1850-1900) bis heute praktisch zur Gänze menschengemacht ist.

Aber das ist – leider – nicht die einzige Erklärung: Extremwetterereignisse nehmen zu, und hier stehen wir erst am Anfang einer beunruhigenden Entwicklung. Schlussendlich sind wir diesen Ereignissen auch stärker ausgeliefert: Gerade in Europa führen Bodenversiegelung, Begradigung von Flüssen und andere Eingriffe in die Natur dazu, dass die Folgen von zum Beispiel Unwettern gravierender werden. „Ohne dass das klimatische Risiko größer wird, wird durch diese Eingriffe der Schaden, den Extremwetterereignisse verursachen, größer“, so Olefs. Der Job der Klimaforscher:innen sei das Auseinanderdividieren dieser unterschiedlichen Faktoren.


Warum die Sorgen um das Klima berechtigt sind 

Ein weiterer Grund für die verstärkte mediale Präsenz des Klimawandels könnte auch „Fridays for Future“ sein, eine Bewegung, die sich aus dem Schulstreik der Aktivistin Greta Thunberg 2018 bildete. 2019 gingen 1,8 Millionen Menschen im Rahmen des „Klimastreiks“ auf die Straße – eine der vielleicht größten Antithesen zur Annahme, eine einzelne Person könne nichts bewirken. „Climate Anxiety“ heißt eine Begleiterscheinung der verstärkten Wahrnehmung des Klimawandels, auf Deutsch „Klima-Angst“. Immer mehr junge Menschen leiden unter Angstzuständen.

Ich möchte von Marc Olefs wissen, ob diese Sorgen berechtigt sind. Die kurze Antwort: ja. Für eine längere Antwort, sagt er, müssen wir einen kurzen Abstecher in Richtung CO2-Vermächtnis machen. Das, was wir als Klimawandel beschreiben, wird in erster Linie durch fossile Brennstoffe bzw. Emissionen ausgelöst, erklärt der Experte. „Die Sorgen der jungen Menschen sind aus wissenschaftlicher Sicht völlig legitim. Wir haben es mit einem CO2-Vermächtnis zu tun: Wenn wir von heute auf morgen die globalen Emissionen auf Null setzen würden, hätten wir in 200 Jahren immer noch 90% der Konzentration in der Atmosphäre.“ Das macht den Klimawandel – zumindest im Kontext von menschlichen Lebensspannen – umumkehrbar.

Die Sorgen der jungen Menschen sind aus wissenschaftlicher Sicht völlig legitim.

(c) Apollonia Theresa Bitzan

Die gute Nachricht ist aber, dass es noch nicht zu spät ist, um die gravierendsten Folgen dieser Entwicklung zu verhindern. Das Pariser Klimaabkommen hat nicht umsonst ein Ziel von deutlich unter zwei Grad Erwärmung fixiert: Hier sind wir noch relativ sicher vor sogenannten Kippelementen im Erdklimasystem Wie zum Beispielt das Schmelzen des grönländischen Eisschilds oder tauende Permafrostgebiete. Mehr Info: https://academic.oup.com/bioscience/advance-article/doi/10.1093/biosci/biab079/6325731?searchresult=1, die für das globale Klimasystem fatal wären. Was für den Temperaturanstieg eigentlich verantwortlich ist? Ein Ungleichgewicht im natürlichen Kohlenstoffkreislauf.

Laut Marc Olefs werden derzeit jährlich 40 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre entlassen – und nur die Hälfte davon kann auf natürlichem Wege wieder aufgenommen werden. So sieht das Pariser Klimaabkommen vor, dass jährlich mindestens 7% CO2-Emissionen eingespart werden, um eine Erwärmung auf über 1,5 Grad zu verhindern, oder zumindest deutlich unter 2 Grad Celsius zu halten. Deswegen, so betont Marc Olefs immer wieder in unserem Gespräch, ist es so wichtig, sofort zu handeln.


Österreich 2050: Hitzewellen, Hitzetote & Starkregen 

Es gibt ganz grundsätzlich zwei Phasen, die wir beim Thema Klimakrise auf der Agenda haben müssen. Einerseits die Entwicklung bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts und andererseits all das, was nach 2050 auf uns zukommt. „Der Klimawandel der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte ist nicht aufzuhalten. Wir müssen uns also an die Folgen dieses Wandels anpassen.“

In Österreich erwarten uns in den kommenden Jahrzehnten vor allem Hitzewellen, die in weiterer Folge zu Trockenheit und Dürre führen werden. In extrem heißen Jahren – wie zum Beispiel 2019 – wurden hierzulande teilweise über 40 Hitzetage Tage, an denen 30 Grad oder mehr gemessen werden. Die Angaben beziehen sich auf die Stadt Wien gemessen. Bei global ungebremsten Treibhausgasemissionen wird das bis zum Ende des Jahrhunderts zur Normalität werden, mit der Folge, dass es in einzelnen Jahren dann 60 bis 80 Hitzetage geben kann. Das zieht einen Rattenschwanz an Problemen nach sich: gesundheitliche Beschwerden bis hin zu vermehrten Hitzetoten, Herausforderungen in Sachen Ernährungssicherheit, vor allem im östlichen Flachland Österreichs. 

Quelle: ZAMG/ÖKS15/Morice et al. 2021

Auch die Forstwirtschaft ist betroffen: „Hitze kombiniert mit Trockenheit bedeutet eine riesige Belastung für die heimischen Wälder. Ein Baum, der unter Trockenstress leidet, kann sich schwerer gegen Borkenkäfer wehren. Die Schädlinge vermehren sich aber bei höheren Temperaturen schneller. Das bedroht das ökologische Gleichgewicht enorm.“

Gleichzeitig nehmen Extremwettereignisse zu: Gewitter, Starkregen, Hagel. Das hat unter anderem mit der Verlangsamung der Winde zu tun. Mit diesem Thema werden wir uns in unserem nächsten Feature genauer beschäftigen.

Auf diese Entwicklungen, so der Forscher, müssen wir uns einstellen. Neben Maßnahmen gegen Hitzeentwicklung in Städten gilt es auch, den Hochwasserschutz zu verstärken und generell Anpassungsmaßnahmen für die Häufung von Extremwetterereignissen zu treffen. Gleichzeitig, und jetzt sind wir in unserem Gespräch in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts angekommen, müssen Emissionen rasch und radikal verringert und grüne Technologien intensiviert werden. Was in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts passieren wird, haben wir derzeit noch in der Hand.

Innovationen statt Emissionen

Ein Satz wird mir noch lange im Kopf herumspuken: „Das Wirtschaftswachstum muss von Emissionen entkoppelt werden“, sagt Marc Olefs. Das bedeutet, von fossilen Brennstoffen wegzukommen und vor allem auf grüne Technologie zu setzen, führt der Forscher aus. Der Klimawandel fordert also nicht nur ein Umdenken in Sachen Ressourcenverbrauch und Investitionen in Anpassungsmaßnahmen, sondern auch eine Transformation von Wirtschaft, Sozial- und Rechtssystem. Das Argument, dass man als kleines Land nur wenig Spielraum hätte, weil man eben auch nur für einen geringen Anteil der Emissionen verantwortlich sei, lässt Marc Olefs nicht gelten: „Ich halte es für essentiell, dass Nationenverbünde mit wirtschaftlich relativ starken Ländern versuchen, eine Vorreiterrolle für den Klimaschutz zu übernehmen. Das Programm „Fit for 55“ Fit for 55 - Europäische Kommission der Europäischen Union ist ein gutes Beispiel dafür. Man muss von reinen Lippenbekenntnissen in die Umsetzung kommt.“

Auch die Zivilgesellschaft spielt eine wichtige Rolle: Immer mehr Initiativen fordern ein Umdenken, fordern neue Spielregeln für die Raumordnung, forcieren erneuerbare Energie, setzen sich für Artenvielfalt oder den Schutz der heimischen Wälder ein. Was für mich im Laufe meiner Gespräche immer klarer wird: Die Klimakrise mit all ihren Folgen kann nicht von einer einzelnen Regierung oder einzelnen Akteur:innen gemeistert werden. Es braucht vielmehr ein enorm breites politisches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Engagement, um den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte entgegentreten zu können. 

Technologischer Fortschritt und qualifizierter Nachwuchs als Ass im Ärmel

Eine gute Strategie gegen „Klima-Angst“ ist womöglich, sich vor Augen zu halten, dass wir durchaus auch Asse im Ärmel haben. Unter anderem den technologischen Fortschritt, der selbstverständlich auch das Feld der Klimaforschung beeinflusst. Sowohl das Sammeln als auch das Aufbereitung und Interpretieren von Klimadaten wird mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz effizienter.

Auch Warnsysteme werden immer besser, wobei sich Marc Olefs hier weitere Fortschritte in den kommenden Jahren erwartet: „Bei kleinräumigen Gewittern haben wir derzeit das Problem, dass wir erst 30 bis 90 Minuten vorher sagen können, welche Gemeinde betroffen sein wird. Die Bewarnung von größerflächigen Ereignissen, wie die Unwetter in Deutschland, sind mittlerweile schon ein bis zwei Tage im Vorhinein möglich. Wir bewegen uns hier in Richtung Impact-basierte Warnungen: Es geht nicht mehr nur darum, wann es wo ein Gewitter geben wird, sondern auch, welche Schäden in der Infrastruktur zu erwarten sind. Hier unterstützt Künstliche Intelligenz bei der Modellierung.“

„Es geht nicht mehr nur darum, wann es wo ein Gewitter geben wird, sondern auch, welche Schäden in der Infrastruktur zu erwarten sind. Hier unterstützt Künstliche Intelligenz bei der Modellierung.“

Als weitere Beispiele für den Einsatz von KI nennt Marc Olefs das Regulieren von Verkehrsströmen oder die intelligente Steuerung von erneuerbaren Energiequellen. Beides wird durch den Einsatz solcher Technologien in Zukunft vereinfacht, wenn die KI zum Beispiel Auskunft darüber gibt, wie viel Energie aus Windrädern zu welchem Zeitpunkt und bei welcher Wetterlage gewonnen werden kann. 

Essentiell für die kommenden Jahrzehnte ist aber nicht nur künstliche, sondern auch menschliche Intelligenz: Qualifizierter Nachwuchs in allen Bereichen der Klimaforschung, aber auch in Begleitfeldern wird dringend benötigt werden. So kommen wir inhaltlich wieder zum Beginn unseres Gesprächs: Immer mehr Stakeholder aus Tourismus, Landwirtschaft und anderen Bereichen nehmen die Dienste der ZAMG in Anspruch, um sich auf zukünftige Entwicklungen vorzubereiten. Das Bewusstsein über die Dringlichkeit von Forschung und entsprechenden Maßnahmen wird also spürbar größer. Sogenannte Klimadienstleistungen gewinnen an Bedeutung, weil wir uns in den unterschiedlichsten Bereichen auf Veränderungen im Klimasystem einstellen müssen. 

(c) Apollonia Theresa Bitzan

Bevor wir zum nächsten Interview aufbrechen, ein Gebäude weiter, spazieren wir durch den großzügigen Garten, der wenig überraschend recht wild und saftig vor sich hin wuchert. Ich mache ein paar Notizen, die Fotografin sortiert Filme und uns beide beschäftigt womöglich derselbe Gedanke: Dass Jugendliche freitags die Schule schwänzen, um für das Klima zu demonstrieren, ist wohl unser geringstes Problem.

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